Reiseerlebnisse aus Madagaskar
2000




Am Ostersonntag sind Benny und ich auf dem Weg von Beloha über Tsiombe nach Ambovombe. An einer Stelle teilt sich die Piste in einen alten und einen neuen Weg. Der alte Weg verspricht, deutlich kürzer zu sein, als die neue Umfahrung. Ich fahre vorne und entschließe mich für die alte Piste, die dann großenteils gut befahrbar ist. Es dauert schon eine Weile und als ich mich umdrehe, um zu sehen, ob Benny auch diese Piste gewählt hat, sehe ich ihn nicht. Er scheint also die andere Wahl getroffen zu haben. So langsam wird meine Piste dann immer enger und die Dornen kratzen am Hemd. Irgendwann kommt dann eine lange Sandpassage, die mir das Ende meiner Piste signalisiert - das Ende im Wald, ohne die neue Piste erreicht zu haben.
Da ich jetzt aber schon so weit gefahren bin, will ich nicht den ganzen Weg zurückfahren und versuche, auf einem Fußpfad nach links, das Sandstück zu umgehen, um so doch noch irgendwie auf die neue Piste zu kommen. Ich komme auf ein Feld, fahre quer darüber bis ans Ende, wo ein paar Frauen und Kinder fluchtartig ihre Eimer, Messer und die geernteten Kaktusfeigen

Raketa oder Kaktusfeige
an der Opuntienhecke verlassen. Der Durchlaß durch die Opuntienhecke ist für mich mit dem breiten Fahrrad viel zu eng. Hier komme ich also nicht raus,ich muß zumindest zurück bis zum Anfang des Pfades.
Als ich dort ankomme, sehe ich 10 Meter weiter einen Mann, eine Frau und zwei Mädchen. Sie laufen nicht davon, da ein Mann dabei ist und sie erwidern mein "Salam". Mit einer Handbewegung fordere ich sie auf, zu mir zu kommen. Schnell stelle ich fest, daß die Französischkenntnisse der Leute nur minimalst sind. So, wie meine Malagasykenntnisse noch minimalst sind. Die Kommunikationsversuche sind sehr mühsam und bringen nicht das, was ich mir davon erhoffe. Also male ich mit einem Stock die Pisten in den Sand, um mein Problem zu verdeutlichen, nämlich, daß ich auf dem kürzesten Weg zur neuen Piste gelangen möchte. Die Reaktionen der Leute zeigen mir, daß ich richtig verstanden wurde. Die Frau braucht dann drei Anläufe, um das Wort Maison auszusprechen, deutet dann mit der Faust auf sich und zeigt auf die Zeichnung im Sand an der Stelle, wo ich hoffe, schnellstmöglich zur neuen Piste zu gelangen. Dann macht sie noch eine Handbewegung, die andeutet, daß sie noch etwas auf dem Kopf zu tragen hat, das sie erst noch holen muß, um dann mit mir zum "Maison" gehen zu können. Ich willige also ein und die Frau mit den zwei Mädchen geht los und verschwindet hinter der Hecke. Der Mann bleibt bei mir stehen. Ich stehe voll in der brennenden Sonne und denke mir nach einer Weile, daß ich dort hingehe, wo ich vermute, daß die Frauen Eimer mit Kaktusfeigen holen. Mein Fahrrad lasse ich liegen. Meine Vermutung mit den Kaktusfeigen stimmt. Nur liegen diese noch alle in großer Anzahl, der Größe und Form nach Ostereiern nicht unähnlich, auf dem Boden. Jetzt sehe ich auch, was ich mich schon lange gefragt hatte, nämlich, wie die Madagassen es schaffen, die tückischen kleinen Stacheln der "Raketa" - den Namen erfahre ich gerade - zu entfernen. Mit kurzen, beblätterten Zweigen werden die ganzen Früchte vorsichtig abgepinselt. Allerdings finden immer noch Stacheln ihren Weg in die Finger der Frau, was mich zum Lachen veranlaßt, da ich das Problem nur zu gut aus eigener Erfahrung kenne und das auch mit Gesten deutlich mache, wie die Stacheln in den Lippen stecken.
Um die Familienverhältnisse der Leute herauszufinden, sage ich Mama, deute auf die Frau und dann auf die beiden Mädchen. Mit einem Nicken wird meine Frage beantwortet. Der Mann ist der Dada. Mit Hilfe meines "Madagassisch für Globetrotter"-Büchleins sage ich, daß ein Freund die neue Piste genommen hat.
Alle Früchte werden in die Eimer getan, aber schnell stelle ich fest, daß viel mehr Früchte dort liegen, als in die drei Eimer passen. Da bekomme ich auch schon die erste Raketa von der Frau fachmännisch geschält angeboten. Dankend nehme ich die süße, wohlschmeckende Frucht entgegen und esse sie. Die Frau schält dann immer weiter und stopft mich mit Raketas voll. Meine durch Gesten gestellte Frage, ob erst alle nicht in den Eimern untergekommenen Raketas gegessen werden müssen, bevor wir gehen können, wird nickend mit einem Lachen bejaht. Dada ist nur als Zuschauer dabei und die Mama, die höchstens etwa in meinem Alter ist, schält fast nur für mich. Als keine Raketas mehr am Boden liegen, bin ich richtig voll.

Als es dann endlich losgeht, kommen die drei Eimer auf die drei weiblichen Köpfe und werden dort balanciert getragen. Wir müssen über eine Barriere aus quer gestapelten Ästen steigen. Die Mama geht voran und hat mit ihrem Eimer keine Probleme, die Barriere zu übersteigen. Es folgt die älteste Tochter, die es nicht schafft, mit dem Eimer über die Barriere zu steigen. Sie bittet um Hilfe. Dada, der direkt dabei steht, sieht nur zu. Die Mama stellt inzwischen ihren Eimer ab und nimmt ihrer Tochter von der anderen Seite der Barriere den Eimer ab, damit diese ohne Eimer darüberklettern kann. Bei meinem Fahrrad helfen mir dann der Dada und auch noch Mama. Ohne Hilfe hätte ich diese und zwei weitere Barrieren nicht so schnell überwunden. Jetzt, nachdem Papa mir geholfen hat, hilft er sogar seinen Töchtern, die Eimer wieder auf den Kopf zu setzen. So kommen wir dann in das kleine Dorf mit wenigen Hütten, das direkt an der neuen Piste liegt.
Unter einem großen, alten Tamarindenbaum sitzt ein alter Mann auf einem Stuhl an einem kleinen Tisch und schreibt etwas in einem Heft. Er fragt mich auf Französisch, ob ich verloren gegangen bin. Ich bejahe und frage ihn gleich, ob er Benny auf der Piste vorbeifahren gesehen hat. Weder er noch die Kinder, die er danach fragt, haben Benny gesehen. Nun krame ich in meiner Lenkertasche nach einem Messer, das ich extra für diesen Zweck mitgenommen habe - nämlich, es zu verschenken. Bisher hatte ich noch nicht die passende Gelegenheit. Ich winke die Mama zu mir und überreiche ihr das Messer. Mit Freude nimmt sie es entgegen. Sie geht zur Hütte und kommt mit einem Stück Fleisch, das sie mir zum Essen bereiten will, zurück. Lachend lehne ich es ab und erkläre, daß ich kein Fleisch esse.
Da ich nicht weiß, ob Benny schon vorbei ist, sehe ich mir die Piste an, um nach Reifenabdrücken von Bennys Fahrrad zu suchen. Dabei kann ich nichts entdecken und beschließe, in Richtung zur Abzweigung der alten und der neuen Piste zu fahren. Ich verabschiede mich von den Dörflern und fahre los. Nach wenigen hundert Metern gibt es dann ein seltsames Geräusch an meinem Fahrrad, verbunden mit einem bremsenden Effekt und ich halte sofort an. Meine Vermutung, daß der Gepäckträger gebrochen ist, sehe ich gleich bestätigt. Ich setze das abgebrochene Ende der Strebe wieder auf das andere Ende und das Gewicht des Gepäcks läßt diese Verbindung so stabil sein, daß der Gepäckträger bei vorsichtiger Fahrt in dieser Lage noch benutzbar ist. Jedoch schon bei der nächsten Bodenwelle kracht die Strebe wieder an der Seite herunter und macht ein erneutes Hochheben des Gepäcks und ein Zusammenfügen der Bruchstellen erforderlich. So komme ich nicht mehr weit, soviel steht fest. Also fahre ich erstmal zurück zum Dorf und berichte von meiner Panne. Anteilnehmend wollen alle die Bruchstelle begutachten. Dabei benutze ich das Wort "Simba" für kaputt und sage, daß Simba auf deutsch kaputt heißt. Darauf meint der alte Mann, daß kaputt auch putika heißen kann.

Die Mama kommt nun wieder aus ihrer Hütte und hat eine große Schüssel voll mit geschälten Raketas und einen Spieß in der Hand. Wieder werde ich von Mama gefüttert - ich schätze, als die Schüssel leer ist, daß ich mehr als die Hälfte davon bekommen habe. Das Ende der Radtour ist also gekommen, ich werde mit einem LKW oder was sonst in der Lage ist, mich mitzunehmen, mitfahren müssen. Ich verabschiede mich endgültig von den Leuten im Dorf und versuche, noch so weit wie möglich zu kommen.

Als ein LKW aus der Gegenrichtung kommt, halte ich ihn an und frage den Fahrer, ob er meinen Freund mit Fahrrad gesehen hat. Der sei etwa 10 km voraus, bekomme ich zur Antwort. Vorsichtig und extrem langsam fahre ich also weiter und denke dabei permanent nach, wie ich die Strebe so hinbekomme, daß sie wieder hält. Nach etwa 3 km kommt mir dann die Idee, es mit dem Gummiband aus einem alten Autoschlauch, mit dem ich meine Trinkflasche festgebunden habe, zu versuchen. An einem großen Baum mit viel Schatten halte ich an, nehme das Gummiband und binde es mit höchstmöglicher Spannung um die Bruchstelle. Zaghaft beginne ich die Weiterfahrt und stelle nach und nach fest, daß meine Improvisation eine ganze Menge aushält.
Die Verfolgung von Benny kann also beginnen. Seine Reifenspur habe ich jetzt auch vor mir. Der nächste LKW-Fahrer meint, Benny sei 2 km voraus. Die Piste wird durch Sand immer schlechter befahrbar und teilweise muß man schon schieben. Mit Bennys Spur vor mir gönne ich mir nur eine kurze Trinkpause und fahre ständig am Limit weiter. Nach etwa 3 Stunden und mehr als 30 Kilometern habe ich es dann geschafft und sehe Benny in der Ferne stehen. Als ich bei ihm bin, begrüße ich ihn mit

"Frohe Ostern",

denn es ist ja Ostersonntag.

Auch Benny hatte noch die alte Piste genommen und war von anderen Leuten zur neuen Piste gebracht worden. Er hatte aber nicht das Glück, mit Raketas vollgestopft zu werden. Er wußte anschließend aber nicht, ob ich vor ihm bin oder hinter ihm und ob er überhaupt noch auf der richtigen Piste war.
In der Ferne können wir dann bei einem wunderschönen Sonnenuntergang ein phantastisches, riesengroßes Gewitter mit beeindruckenden Blitzen beobachten, das dem wüstenhaften Dornenland den nötigen Regen beschert. Die Nacht schlafen wir unter dem freien Sternenhimmel.
Am nächsten Morgen hält dann, als wir gerade eine Rastpause machen, auf der Piste ein Motorradfahrer bei uns an und sagt uns, daß wir nicht auf der Piste sind, auf der wir die ganze Zeit dachten zu sein. Tsiombe kann also auf dieser Piste nicht kommen und Benny versteht nun auch, warum die auf der Piste von ihm gefragten Leute mit Tsiombe nichts anfangen konnten.
Inzwischen hat sich auf der Rückfahrt im Bus nach Tana herausgestellt, daß wir in Antanimora auf die andere Piste getroffen sind. Beloha und Tsiombe, wie am Anfang geschrieben, haben wir aber nie gesehen!!! Trotz Vergleich mit der Karte - ein Rätsel bleibt vorerst noch ungelöst. Wenn ich wieder einmal in diese Gegend fahre, werde ich versuchen, das Rätsel zu lösen.